Blog | Mona Schaffer

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April 2017

Raumcollage

Die letzten Monate erarbeite ich Räume im zwei- und dreidimensionalen Bereich. Es sind Collagen meiner Erfahrungen sowie Geschichten der Kubaner, aus denen ich diese Räume mit Farbstimmungen meiner Eindrücke und Gefühle kreiere. Nun entscheide ich mich dazu, mit Fotos weiterzuarbeiten. Sie halten genauer einen bestimmten Ort, einen Zeitpunkt, mit einem ganz bestimmten Lichteinfall fest.

Vor ein paar Wochen wurde das Internet an der Hochschulbibliothek verbessert. Nun beschränkt sich der Informationszugang nicht mehr nur auf ein paar wenige kubanische Internetseiten, die man vorher nur mit viel Geduld und Wartezeit öffnen konnte. Ich habe nun Zugriff auf alle erdenklichen Webseiten, die sich vergleichbar mit einem sehr langsamen deutschen Internet öffnen lassen. Ich öffne Pinterest und gebe in die Suchleiste Havanna ein. Welches Bild, welche allgemeine Farb- und Formensprache entwickelt sich auf diesen Fotos, die im Internet zu finden sind?

Es öffnet sich eine Vielzahl an Bildern, auf denen farbenfrohe Fassaden und Innenräume abgebildet sind. Hohe Decken, kolonialer Baustil, antike Möbel. Ein Bild, das sich auch in mir in den letzten Monaten von Havanna geprägt hat, und meine bisherige Farbwahl bestimmte. Ich wähle eines dieser Bilder aus und lasse Pinterest nach „visuell ähnlichen Ergebnissen“ suchen. Die Auswahl der angezeigten Bilder erweitert sich zusätzlich zu Innenräumen auf Malereien, die eben diese besondere Farbstimmung von dem ausgewählten Foto besitzen. Ich wähle mehrere dieser Fotos aus und erarbeite daraus collagierend drei Räume. Später wiederhole ich das Verfahren mit einem Raum des Colegio de Arquitectos in Havanna. Jeder der Räume besitzt eine bestimmte Atmosphäre, einen bestimmten Farbklang und ein ganz eigenes Raumerlebnis.

Das Einbeziehen der Suchmaschine, die „nach visuell ähnlichen Ergebnissen“ sucht, ist für mich ein spannender Prozess. Die Mischung aus klaren Raumlinien, raumdefinierenden Objekten der aus den Fotos sowie gemalten Farbflächen, ergeben eine spannende Synthese aus Raumdefinition und Atmosphäre. Es erfreut mich, über den Prozess des Collagierens und freien Arbeitens differenziertere Raumvorstellungen zu erarbeiten. Dies könnte für mich ein weiterer Schritt zur reelleren Anwendung in der Innenarchitektur werden.

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März 2017

Die Natur im Zentrum von Havanna Vieja

In einem Videokurs, den ich an der ISA besuche, planen wir eine Ausstellung in dem Haus der Oma eines Kommilitonen (Ernesto) in Havanna Vieja. Das Haus ist verwinkelt und collagenartig mit vielen Erinnerungen gefüllt, die Geschichten erzählen und den Raum in etwas Lebendiges, Einzigartiges verwandeln.

Im Zeitraum der Ausstellung, wird seine Oma weiterhin dort leben und soll sich in ihrem persönlichen Raum nicht gestört fühlen. Daher entscheide ich mich dazu, den Raum nicht als reine Galerie zu verstehen, der Patz bietet, um Einzelobjekte auszustellen. Vielmehr sollen sich die Videos in den Raum eingliedern und sich mit diesem zu etwas Neuem verbinden.

Das Thema: In den letzten Monaten meines Lebens in Havanna an der ISA im Studentenwohnheim, erlebte ich eine Ruhe und Gelassenheit. Die Architektur des Wohnheims ist sehr offen: Die Fenster und Türen der Zimmer bestehen aus Lamellen. Auf Grund dieser Konstruktion zieht immer ein Wind durch das Wohnheim, der die Zimmer in den heißen und schwülen Sommermonaten abkühlt. Abgesehen von den klimatischen Vorzügen, die diese Konstruktion mit sich bringt, befinden sich die Bewohner im ständigen Kontakt zum Außenraum. Die großzügigen Fenster und offenen Fassaden ermöglichen zudem einen unglaublichen Blick in das Naturparadies, in dem sich das Wohnheim befindet.

Die direkten Veränderungen der Temperatur, des Windes und des Lichts sind ständig zu spüren. Dieser direkte Kontakt zur Natur und die Reize, die diese bietet, faszinieren mich und lassen mich aufs Neue die Notwendigkeit dieses Kontaktes zu ihr verstehen.
 
In einem Projekt, das ich in meinem Innenarchitekturstudium in Halle realisiert habe und das ich bereits im Juli vorstellte, beschäftigte ich mich ebenfalls mit den faszinierenden Momenten der Natur. In einer Hülle aus Stoff, die drei Räume bildete, wurden bestimmte Lichtsituationen der Natur simuliert. Die Passanten konnten diese Hülle betreten, in diese faszinierenden Sinnesreize eintauchen und der normalen Welt einen Moment entfliehen.

Als ich hörte, dass sich die Wohnung von Ernestos Oma in Havanna Vieja befindet, musste ich sofort an dieses Projekt zurückdenken. Havanna Vieja ist verwinkelt, mit vielen Nischen; es stehen sanierte neben verfallenden Häusern, in denen sich die Natur ihren Lebensraum zurückerobert.

Das Bild, das sich bisher von Havanna Vieja in mir gebildet hat, und die Erscheinung des Hauses von Ernestos Oma verknüpfen sich mit den Erfahrungen, die ich hier in dem Wohnheim gesammelt habe und den Ideen, die mir bei dem Projekt aus Halle kamen, zu einem neuen Gesamtgefüge und meinem Konzept für die Ausstellung.

Das Haus von Ernestos Oma ist ein einziger hoher Raum, der durch ca. zwei Meter hohe Wände und Möbel in kleine Bereiche eingeteilt ist. Außer der großen Eingangstür, die ständig offen steht, gibt es noch ein weiteres Fenster als natürliche Lichtquelle. Dies schützt die Wohnung vor der starken Sonneneinstrahlung im Sommer, verhindert aber ebenso den Kontakt zur Natur und die Teilhabe der sich veränderten Licht- und Schattensituation im Verlauf des Tages. Das Wasser befindet sich zahm in den Leitungen. Der Wind ist reguliert.

Ich stelle mir vor, dass sich das Haus von Ernestos Oma in einen Schauplatz der Reize der Natur verwandelt, in einen Ort, der den direkten Kontakt zur Natur inszeniert und diese wild und ungezähmt darstellt.

Das Wasser soll als wild und unberechenbar spürbar werden. Lichtflecke sollen im Raum anfangen zu tanzen, wie Spuren der durch ein Blätterdach fallenden Lichtstrahlen. Die Wohnung soll sich bewegt und von den Reizen der Natur beeinflusst zeigen. In dieser Ausstellung ist das Video das Medium, um das Haus in etwas Neues, Natürliches und Lebendiges zu verwandeln.
 

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Januar/Februar 2017

ELLOS QUE DEBERIAN VIVIR - Die, die leben sollten

Am Ende des ersten Semesters schenkt mir ein Freund zum Abschied einen Propaganda Comic mit dem Titel „El que debe vivir“, „Er, der leben soll“. Der Comic illustriert eine Geschichte über den Geheimdienst der USA, dessen wesentliches Ziel gegenüber Kuba während der letzten 50 Jahre darin bestand, Fidel Castro zu eliminieren. Mehr als 600 Mordpläne sind bekannt.

Ich lese den Comic nicht, dennoch inspiriert er mich. Der Comic besteht aus schwarzweißen Bildern, die nachträglich großflächig eingefärbt sind. Die Formen, die durch diese Flächen entstehen, interessieren mich. Ich zerschneide den gesamten Comic und zerlege ihn in die einzelnen Farbflächen. Mit den Einzelteilen forme ich neue Räume und Orte im zweidimensionalen Bereich, die ich später mit Aquarell und Fineliner erweitere und definiere.

Während dieses Prozesses bin ich in Gedanken bei den Menschen, die hier in Kuba leben. Immer wieder stoße ich mich an dem Titel „Er, der leben soll“. Ich denke an die Menschen, die ich kennen gelernt habe und mit denen ich tagtäglich zusammen lebe. Menschen, die durch das politische System eingeschränkt und bevormundet werden. An manchen Tagen sehe ich Resignation. Ein neuer Rückschlag zu viel, der Mangel an Arbeitsmaterialien oder das Wissen darum, eventuell nie ein anderes Land zu sehen. Momente, die meinen Freunden und Kommilitonen von neuem die Kraft rauben, neu anzufangen und wieder aufzustehen.

Als Resultat daraus beobachte ich oft, das Dinge garnicht erst probiert werden, weil sie nicht funktionieren könnten. Ich denke an die vielen Menschen die nicht nur in Kuba ihre Träume nicht leben, aus Angst vor dem Neuen, aus Angst, dass etwas nicht funktionieren könnte, oder weil sie schlichtweg nicht die Möglichkeit haben. Und ich denke an mich, denke an die vielen Gelegenheiten, die ich nicht genutzt habe.

Ich forme für meine Arbeit den Titel „Die, die leben sollten“. Meine Räume werden zu Geschichten von Menschen, die Dinge sein lassen. Die Gründe und das, was in dem Moment nicht erlebt wird, sind zahlreich und können von den Betrachtern selbst interpretiert werden.

Nachdem ich meine Zeichnungen beendet habe beschleicht mich das Gefühl, das mir etwas fehlt. Seit drei Monaten zeichne ich Räume, die durch Gefühle und Geschichten entstehen. Die zweidimensionale Arbeit hat mir dabei geholfen, alte Raummuster, präferierte Formen und Farben freier zu denken. Das Collagieren, das sich schon vorgefertigter Teile bedient war hilfreich, um aus alten Formmustern auszubrechen. Das Aquarellieren ließ mich in der Farbe freier Handeln.

Diesmal gehe ich einen weiteren Schritt. Ich zerschneide die angefertigten Collagen und forme aus ihnen dreidimensionale Räume. Es entstehen Raumobjekte, die ohne weiteren Zweck existieren dürfen. Es ist ein Versuch, aus alten gedachten Mustern auszutreten und neue Räume entstehen zu lassen, die sich in Form und Farbe mutig präsentieren. Ich werde dieses Ziel weiter verfolgen.

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Dezember 2016

Raumassoziationen

   

Die Menschen, die ich kennen lerne, tragen viele Geschichten in sich. Einige dieser Geschichten faszinieren mich, stimmen mich fröhlich oder traurig. Ich versuche, die Atmosphäre, die jede Geschichte in sich trägt, in Raumassoziationen festzuhalten.

Die Lichtstimmung sowie markante Merkmale der Räume, in denen die Geschichten erzählt wurden, spielen eine tragende Rolle in der Gestaltung der Raumassoziationen.
 

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November 2016

Estas Mal

 

Sobald ich in Havanna unterwegs bin, passieren mir viele Dinge, die mir neu sind und die ich oft nicht verstehe. Unerwartete Begegnungen oder Reaktionen auf mich und Gesprächsfetzen, die ich aufschnappe, beeinflussen meine Emotionen. Ich halte diese Emotionen später in abstrakten Raumgefügen fest, deren Farben und Formen Ausdruck meiner Erlebnisse sind.

„estas mal!“

Ich besuche mit einem Freund aus der Uni einen befreundeten Künstler in einer Galerie. Er hatte dort eine Ausstellung und ist gerade dabei, diese zu deinstallieren. Die Ausstellung bestand aus einem Gesamtkunstwerk des Raumes. Er bespielte dort Decke, Boden und Wände.

Beim Aufräumen hat er Hilfe von zwei Arbeitern, die gerade die Malereien auf dem Boden entfernen. Während der Arbeit trinken sie Rum. Wir bleiben eine Weile, bis einer der Arbeiter anfängt mich zu mustern und in sich hinein zu murmeln. Er beginnt mit mir zu sprechen, er redet wirr und ich verstehe nur Gesprächsfetzen, mir bleibt keine Zeit zu antworten.

"Was tust du hier?"
"Willst du nicht mit mir reden?"
"Deutschland ist wohl besser?"

Die Situation kippt. Er wird immer böser und lauter. Seine Stimme schriller. Bis mein Freund zu ihm sagt

"estas mal!.  ["du drehst durch!"]

Der Arbeiter tickt aus und wird handgreiflich. Die anderen drei Jungs halten ihn auf und sagen ihm dass er verschwinden solle. Er will nicht gehen und sie versuchen ihn zur Tür zu begleiten. Da er betrunken ist, fällt er hin, fängt an um sich zu treten und möchte nicht mehr aufstehen, bis die drei Jungs ihn auf dem Boden nach draußen ziehen. Dort schimpft er weiter. Sie schließen die Tür.

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Oktober 2016

Raumwahrnehmung

Ich sehe Innenarchitektur als interdisziplinäres Fach, in dem Raum, Materialität, Farbe und das Erleben zusammen kommen. Während meines Studiums in Deutschland entstand die Vision, emotionale Atmosphären für Räume zu entwickeln, die von Licht, Farben und natürlicher Materialität geprägt sind. Da ich in Deutschland immer wieder Hemmung vor Farben und Emotionen spürte, zog es mich in ein Auslandssemester nach Kuba, an die ISA in Havanna.

Der dritte Monat meines Auslandssemesters hat nun begonnen. Kuba fordert mich, bringt mich dazu, vieles von dem, was ich gelernt habe, aus anderen Blickwinkeln zu betrachten und intensiviert jede Aktion, jedes Gefühl und jede Raumwahrnehmung. Die Eindrücke der neuen Gerüche, Geräusche, Farben und Bräuche sowie die unbeschreiblich schöne Architektur meines Campus faszinieren mich jeden Tag aufs Neue

All diese Begebenheiten durchfluten meine Gedanken und verhelfen mir dabei, meine vorher gedachten Räume mit neuen Farben zu füllen, Raumgrenzen anders zu definieren und sie mit neuen Formen zu versehen. Es ist die weiße Stille, die ich in Deutschland oft in Räumen verspürte, die durch diese Eindrücke gerade gebrochen wird. Eine Stille, die für mich einen Rückzugsort bedeutete, eine Stille, die ich sehr schätze, die aber auch darauf gewartet hat, erfüllt zu werden.

Kuba durchströmt meine Gedanken und meine Gestaltung. Die neuen Eindrücke und starken Gefühle, die ich hier empfinde, erfüllen den weißen stillen Raum und verhelfen mir gerade bei meinem Wunsch Räume mit starken Farben und neuen Formen zu denken und diese Räume mit emotionalen Atmosphären zu füllen.

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August 2016

Lichtung

Die Unendlichkeit und Weite des Himmels im Outback Australiens, das ferne Donnern einer Lawine in den Alpen, der Wechsel der Lichtstimmung bei einem Gewittereinbruch – all das sind gewaltige Natureindrücke, die mich fesseln und sich in meinem Gedächtnis eingeprägt haben. Aber auch ruhigere, alltäglichere Naturbegegnungen wie das Rauschen eines Bachs, das Rascheln der Blätter oder das Glitzern des Sonnenlichts auf einer Wasseroberfläche sind Momente, die mich positiv stimmen. Für diese Momente möchte ich einen Ort auf dem Marktplatz von Halle (Saale) schaffen, einen Ort, der sich an den vielseitigen Sinneseindrücken der Natur orientiert, der die Sinne der Passanten anregt und der zu einem emotionalen Raumerlebnis wird.

Doch wie kann ein solcher Ort geschaffen werden, ohne den Markplatz in einen großen Park umzuwandeln? Wie kann man diese Vielzahl an Atmosphären in den gebauten Raum übertragen?

Inspiration für diesen Ort finde ich in den faszinierenden Lichtstimmungen des Waldes. Ich fokussiere mich auf drei Lichtatmosphären, die in Abhängigkeit von Sonne und Wind zu magischen Schauspielen werden und die mich immer wieder in ihren Bann ziehen: Die Schatten der Baumkronen auf dem Boden, vereinzelte durch das Blätterdach fallende Lichtstrahlen und die wechselnde Farbstimmung des von der Sonne beschienenen Blätterdachs.

Für diese Lichtstimmungen schaffe ich eine begehbare Raumfolge, die in drei Abschnitte gegliedert ist. In diesen Abschnitten werden die Lichtstimmungen einzeln übertragen und können von den Besuchern atmosphärisch erspürt werden. Die Lichtinstallationen bespielen die Decke, den Boden oder sind im Raum wahrnehmbar. Durch einzelne hintereinander stehende Rahmen, zwischen denen eine textile Membran verspannt ist, entsteht die Raumhülle. Durch die Veränderung der Größe der Rahmen, die sich weiten und verengen, entsteht eine bewusste Raumgliederung und eine anregende Raumform.

Durch die Raumhülle läuft ein Steg, auf dem der Raum durchschritten wird. Aus dem Steg wachsen polygonale Körper, auf denen sich die Besucher niederlassen können. Die Form und die Anordnung der Polyeder im Raum bestimmen dabei die Körperhaltung der Besucher und lenken deren Blick auf die inszenierten Lichtflächen. Die Passanten werden in der Lichtung zum Verweilen animiert und dazu eingeladen aus dem Alltag in die anregenden Lichtatmosphären des Waldes einzutauchen.